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28. September 2003
Memorandum zur Versorgungsforschung in Deutschland
Prof. Dr. Bernhard Badura, Prof. Dr. Reinhard Busse, Prof. Dr. Johannes Gostomzyk, Prof. Dr. Holger Pfaff, Prof. Dr. Bernhard Rauch, Prof. Dr. Klaus-Dieter Schulz

Situation – Handlungsbedarf – Strategien

Präambel
Die ständige Kongresskommission „Deutscher Kongress für Versorgungsforschung“ resul-tiert
aus einem Zusammenschluss von 25 wissenschaftlichen medizinischen Fachgesell-schaften.
Sie erarbeitet Rahmenbedingungen für die Versorgungsforschung in Deutsch-land.
Die Ziele der Kommissionstätigkeit sind:

  • Thematische Vorbereitung des jährlich stattfindenden deutschen Kongresses für Ver-sorgungsforschung,
  • Zusammenführung von Wissenschaft, Ökonomie und Gesundheitspolitik zur Lösung
    von Problemen der Gesundheits- und Krankenversorgung,
  • Entwicklung von Konzepten zur Aktivierung der Versorgungsforschung in Deutschland,
  • Unterstützung des Transfers versorgungswissenschaftlicher Forschungsergebnisse in
    die Versorgungspraxis,
  • Information der Öffentlichkeit über Versorgungsfragen.

Um diese Ziele zu erreichen, treten die 25 Fachgesellschaften mit einem Memorandum
zur Versorgungsforschung an die Öffentlichkeit. Dieses richtet sich in erster Linie an Ent-scheidungsträger, die für die Versorgungsforschung in Deutschland verantwortlich sind,
diese bereits fördern oder künftig fördern könnten. Das Memorandum beschreibt die Inhal-te
der Versorgungsforschung, enthält eine Bedarfsanalyse und formuliert Rahmen- und
Förderbedingungen.

Ständige Kongresskommission „Deutscher Kongress für Versorgungsforschung“
Liste der beteiligten Fachgesellschaften:

  • Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)
  • Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
  • Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH)
  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
  • Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI)
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK)
  • Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS)
  • Deutsche Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP)
  • Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM)
  • Deutsche Gesellschaft für Public Health (DGPH)
  • Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen e.V. (DGPR)
  • Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW)
  • Deutsche Gesellschaft für Senologie
  • Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP)
  • Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG)
  • Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft
  • Deutsche Liga zur Bekämpfung des hohen Blutdruckes – Deutsche Hypertonie Gesellschaft (Hoch-druckliga)
  • Deutscher Verein für Versicherungswissenschaft
  • Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)
  • Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM)
  • Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie (GAA)
  • Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQMG)

2 Gesundheitsversorgung und Versorgungsforschung
Das Gesundheitswesen ist ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Laut Statistischem Bun-desamt
betrugen die Ausgaben auf diesem Sektor im Jahre 2001 etwa 226 Milliarden Eu-ro.
Dies sind knapp 11% des Bruttoinlandprodukts und 2740 Euro pro Einwohner. Im Ge-sundheitswesen als Dienstleistungsunternehmen waren 4,1 Millionen Menschen beschäf-tigt.
Das komplexe Versorgungsnetz setzt sich aus medizinischen, sozialen und ökonomi-schen
Komponenten zusammen. Die Komplexität erfordert, dass neben Gesundheitspoli-tik,
Kostenträgern, ärztlicher Selbstverwaltung und ärztlichen Berufsverbänden auch For-schung
und Wissenschaft sowie deren Fachgesellschaften permanent darum bemüht sein
müssen, dieses System zielgerichtet und ergebnisorientiert zu steuern.

In der Gesundheits- und Krankenversorgung vollzieht sich derzeit ein Paradigmenwechsel,
der auch für die zukünftige Gestaltung der Versorgungsforschung von größter Bedeutung
ist. Neben Diagnose, Behandlung und Nachbetreuung von Erkrankungen treten Präventi-on
und Gesundheitsförderung stärker in den Vordergrund. Früherkennung von Krankhei-ten
(Sekundärprävention) fördert die Heilungschancen. Ihre Konzepte sind mit wissen-schaftlicher
Unterstützung weiter zu entwickeln, um flächendeckende, qualitätsgesicherte
Früherkennungsprogramme bei vertretbarem ökonomischen Aufwand zu ermöglichen.

Das Gesundheitswesen steht aufgrund des Wandels wirtschaftlicher und demographischer
Rahmenbedingungen, wegen seiner Strukturen, Prozesse und Ergebnisse sowie der sich
ständig ändernden Versorgungsbedürfnisse und vor allem seiner Finanzierung in der öf-fentlichen Diskussion. Tiefgreifende Reformen stehen auf der gesundheitspolitischen Ta-gesordnung, eine Vielzahl z. T. weit auseinanderliegender Interessen und Erwartungen
sind zu berücksichtigen: die der Bürger und Patienten, der unterschiedlichen Leistungsanbieter,
der Kostenträger und der Wirtschaft.

Zu den vordringlichen Herausforderungen gehören Problemlösungen auf der Einnahmen- und Ausgabenseite, die Schaffung von mehr Transparenz über Kosten und Qualität sowie ein Überdenken und auch eine Neuausrichtung von Zielen, Organisationsformen und Versorgungsprozessen.

Die wissenschaftlichen Grundlagen für Maßnahmen zur Lösung der Probleme liefert die
interdisziplinäre Versorgungsforschung. Zu ihrer weiteren Entfaltung sollten zukünftig For-schung und Praxis noch besser zusammengeführt und neue Formen der Zusammenarbeit
zwischen Klinikern und Methodikern entwickelt werden. Kreative Potenziale von Sozial-
und Naturwissenschaftlern sind verstärkt zur Lösung disziplinenübergreifender Problem-stellungen zu nutzen.

Zur Lage der Versorgungsforschung in Deutschland
Gesetzliche, politische und ökonomische Eingriffe in das Versorgungssystem modifizieren
Versorgungsstrukturen und –prozesse, derzeit in der Regel ohne dass die Auswirkungen
für den Bürger wissenschaftlich überprüft werden. Fehlentwicklungen sind die Folge, mit
negativen Auswirkungen für gesunde und erkrankte Menschen und letztlich auch für die
ökonomische Situation im Gesundheitswesen.

Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hat in seinen
Gutachten aus den Jahren 1995, 1997 und zuletzt aus dem Jahr 2001 eine Aktivierung der
defizitären Versorgungsforschung in Deutschland angemahnt. Dieser Mahnung hat sich
der außerordentliche Deutsche Ärztetag im Februar 2003 angeschlossen.

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Hinsichtlich der Gesundheits- und Krankenversorgung sowie deren Rahmenbedingungen
ergeben sich folgende Aufgaben:

  • Beschreibung und Analyse der Versorgungssituation,
  • hierauf aufbauend Entwicklung von Versorgungskonzepten,
  • wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung (Implementierung) neuer Versorgungs-konzepte,
  • Evaluierung neuer und alter Versorgungskonzepte im medizinischen Alltag.


Die Versorgungsforschung unterscheidet sich von der klinischen Forschung dadurch, dass
sie sich mit der Effektivität diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen in der Ge-sundheitsversorgung befasst sowie strukturelle Voraussetzungen für die Umsetzung neuer
medizinischer Entwicklungen beschreibt. Hierbei sind klinische Fachdisziplinen mit den
stärker methodenorientierten Fachgebieten wie z.B. Epidemiologie, Biometrie, Informatik,
Sozialmedizin, Gesundheitsmanagement, Gesundheitsökonomie, Medizinische Soziologie
sowie Medizinische Psychologie und Verhaltenswissenschaften zur Kooperation zusam-men
zu führen.

Aktuelle Themen der Versorgungsforschung sind:

  • Gesundheitssystemanalyse,
  • Leistungsmessung und Leistungsbewertung im Gesundheitswesen,
  • Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement,
  • Implementierung und Umsetzung von Leitlinien,
  • Transfer klinischer Studienergebnisse,
  • Kosten und Kosten-Nutzen-Verhältnis der Versorgung,
  • Organisation der stationären, ambulanten und integrierten Versorgung,
  • Implementationsmöglichkeiten für Disease Management-Programme,
  • Patientensouveränität, Patientenrechte, Patienteninformation.

Die Forschungswirklichkeit
Dank der bisherigen Förderung durch Bundes- und Landesministerien, durch Stiftungen
und Kostenträger hat die deutsche Versorgungsforschung Anschluss an den internationa-len
Diskussionsstand gefunden. Ihre Konzepte und Methoden erlauben es, den Gesund-heitszustand der Bevölkerung zu analysieren, innovative Versorgungskonzepte zu entwi-ckeln
und deren Implementierung zu evaluieren. Die Förderung der Public-Health-Forschung
und der Rehabilitationsforschung durch das BMBF hat hierzu wesentlich beige-tragen.
Effiziente und international anerkannte Versorgungsforschung wird in Deutschland aber
nur punktuell praktiziert.

Dies geschieht an einigen Forschungsinstituten und Schwerpunktkliniken (z.B. Kliniken mit großen Registern) sowie über staatlich geförderte, finanziell sehr limitierte Förderprojekte. Hier sind die Versorgungsanalysen für einige Tumorentitäten zu erwähnen, die durch das Bundesgesundheitsministerium gefördert wurden.

Dazu gehört auch die Erarbeitung von Früherkennungskonzepten für Brustkrebs sowie die
Erarbeitung von Leitlinien zur Sicherung der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität in
der Versorgung von Tumorerkrankungen überhaupt; die fehlende Weiterförderung relati-viert
jedoch das bereits Erreichte.

4
Auch das von BMBF und den Spitzenverbänden der Krankenkassen geförderte Programm
zur Versorgungsforschung ist positiv zu bewerten. Allerdings ist die finanzielle Dimension
des Programms mit knapp 1 Million Euro pro Jahr zu gering, bei Gesamtausgaben der
gesetzlichen Krankenkassen von ca. 139 Mrd. Euro (2001) pro Jahr. Privatwirtschaftliche
Initiativen zur Versorgungsforschung stammen meist aus der Pharmaindustrie und sind
häufig auf deren wirtschaftliche Interessen zentriert.

Strukturen der Versorgungsforschung
Versorgungsforschungsprojekte sind fachübergreifend, wobei Kliniker und Methodiker projektorientiert eng zusammenarbeiten. Diese Kooperation und entsprechende Infrastruktu-ren sind weiter zu entwickeln. Ein Vorbild hierfür könnten die im Bereich der klinischen
Forschung etablierten Koordinationszentren für klinische Studien sein.

Komplexe Versorgungsnetze erfordern auch die Etablierung vernetzter Forschungsstruktu-ren.
Hier bedarf es einer Förderung durch staatliche Anschubfinanzierung, die in einzelnen
Forschungsprogrammen fortzusetzen ist.

Der Ausbau, der nicht an allen Universitäten vertretenen methodenorientierten Fächer Epidemiologie, Medizinische Soziologie, Sozialmedizin, Gesundheitsökonomie, Medizini-sche
Psychologie und Qualitätsforschung ergäbe eine verstärkte Basis für zukünftige Versorgungsforschung und eine Garantie für den entsprechenden Wissenstransfer in das
Medizinstudium.

Empfehlungen zur Versorgungsforschung in Deutschland (6-Punkte-Programm)

  • Die Bundesregierung wird aufgefordert, ein langfristig angelegtes Förderprogramm
    „Gesundheitsversorgungsforschung“ aufzulegen.
  • Alle Kostenträger der Sozialversicherung sollten sich in geeigneter Form an der Finan-zierung
    und Durchführung von Forschungsprojekten beteiligen.
  • Jährlich sollte von der Bundesregierung ein Bericht über aktuelle Fragen und Ergebnisse
    der Gesundheitsversorgungsforschung in Deutschland erstellt und veröffentlicht
    werden.
  • Grundlagenforschung im Bereich der Versorgungsforschung muss künftig auch von der
    DFG gefördert werden.
  • Die Erreichbarkeit und Sekundärnutzung von Prozessdaten (insbes. GKV-Daten) für
    unabhängige Forschung muss verbessert werden.
  •  Für die Startphase der Versorgungsforschung ist eine Strukturförderung vorzusehen,
    ähnlich wie bei den Koordinierungszentren für klinische Studien.


Hamburg, 28.09.2003
Für die Ständige Kongresskommission Deutscher Kongress für Versorgungsforschung
Prof. Dr. Bernhard Badura, Prof. Dr. Holger Pfaff, Prof. Dr. Reinhard Busse Prof. Dr. Bernhard Rauch, Prof. Dr. Johannes Gostomzyk, Prof. Dr. Klaus-Dieter Schulz



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